Dienstag, 28. Februar 2006

Wurzelbehandlung

Wochenlang wurden die sporadisch auftretenden Zahnschmerzen ignoriert, bis diese dann permanent wurden. So musste Sonja nun doch zum Zahnarzt. Normalerweise braucht man einen Termin, allerdings wird man als Notfall sofort bedient. Also Überstunden abbauen, um vor der Rush hour in der Klinik zu sein (Öffnungszeiten: Wochentags 9-21, Samstags 9-17 Uhr). Dort angekommen lässt die Frage nach der Kreditkarte aufhorchen. Anscheinend ist die zahnärztliche Behandlung von der Alberta Healthcare ausgeschlossen. Also werden flink die vom Arbeitgeber 'gesponsorten' Zusatzversicherungskarten geflippt. 80% Deckung gibt Sonjas Versicherung, die restlichen 20% werden von Rolands Versicherung getragen, und die Kreditkarte kann im Portemonnaie bleiben.
Der Service ist ausgezeichnet, die Assistentin bereitet die Untersuchung vor, macht die Röntgenbilder und 'unterhält' den Patienten bis der Arzt kommt. Unter anderem bekommt man eine Schulung in Dentalhygiene und Tipps wie den Gebrauch von Baking Soda (= Natron) zum Weisseln der Zähne. Das Equipment ist auf dem letzten Stand der Technik, auf dem Flatscreen werden die Röntgenbilder dargestellt. Eine Graphik zeigt den Gesundheitszustand aller Zähne auf, später kann aufgrund dieser Informationen ein kompleter 'Renovierungsplan' erstellt werden. Die Betäubung erfolgte zunächst mit einem Anestäsie-Tuch direkt auf dem Zahnfleisch, bevor später die Spritzen gesetzt wurden, von denen man schon gar nichts mehr gespürt hat.
Während der Behandlung erklärt die Assistentin jeden der notwendigen Schritte, während der Doktor an einem herumwerkelt. Man fühlte sich in guten Händen, oder sogar besseren, denn die meisten Zahnarztbesuche in Deutschland waren vergleichsweise unerfreulich. Für das Cleaning (Zahnstein usw.) muss übrigens ein extra Termin vereinbart werden, da dieses von speziell ausgebildeten Mitarbeitern durchgeführt wird. Dieser Prozess nimmt etwa eine Stunde in Anspruch, in Deutschland sind es gerade mal 10 min.
Also wenn es nicht ein Zahnarztbesuch gewesen wäre, würde man fast sagen müssen, es hat Spaß gemacht, nochmal bitte.

Sonntag, 26. Februar 2006

Winterimpressionen und Medaillenspiegel

Bei Sonne und milden Temperaturen um nur minus 5°C konnte uns am letzten Montag (Family-Day) nichts in unserer Hütte halten, so haben wir uns mit Stullen und Tee bewaffnet und sind mit Jane und ihren Kindern hinaus ins Kananaskis Country gefahren. Nach ein paar Kilometern anstrengenden Durchdenschneestapfens durch die kanadischen Wälder haben wir dann zur Belohnung an einem zugefrorenen See ein kleines Picknick veranstaltet. Dank mitgebrachter Schlafsäcke wurde es ganz gemütlich. Für alle die es nicht glauben:
 




Die Olympiade in Turin ist ja jetzt vorbei, und die kanadischen Zeitungen versuchen alles mögliche, das eigentlich schon sehr gute Abschneiden der kanadischen Olympioniken noch etwas besser aussehen zu lassen. Normalerweise ist ja die Zahl der Goldmedaillen ausschlaggebend im Medaillenspiegel. Solange die Gesamtzahl kanadischer Medaillen größer war als die der USA, wurde der Medaillenspiegel aber einfach entsprechend uminterpretiert (das hat sich dann wieder geändert, als die Amis dann doch auch ingesamt mehr Medaillen hatten). Irgendein findiger Journalist hat dann herausgefunden, dass Kanada den Medaillenspiegel doch anführt: wenn man alle Medaillen weiblicher Atlethen zusammen zählt. Da wird man hier wahrscheinlich sogar begeistert sein, die Rangliste der "Blech"-Medaillen anzuführen: keine Nation erreichte mehr vierte Plätze als Kanada. Übrigens hat man hier auch voller Begeisterung über die kanadischen Goldmedaille im Curling berichtet. In einem Land, in dem die Menschen mit Besen bewaffnet in Eishallen strömen (und das nicht zum Putzen!) und sogar Filme darüber gedreht werden ("Men with Brooms", Männer mit Besen), ist es wahrscheinlich nicht wirklich überraschend, wenn eine solche Nachricht die komplette erste Seite der Tageszeitung in Anspruch nimmt und das Curling Team als "Helden von Turin" gefeiert wird. Nur um das Thema Hockey ist es in diesen Tagen etwas kleinlaut geworden... 
Jetzt haben wir ihn endlich doch noch bekommen, den kanadischen Winter. Letzte Woche hat es kräftig geschneit und wir haben derzeit Temperaturen zwischen -15 und -25°C. Inzwischen haben Räumungsfahrzeuge das Chaos auf den Straßen beseitigt, die wichtigsten Verbindungen sind sogar schneefrei. Zur Unterstützung wurden per Radiosender Truck-Fahrer, die über einen Schneeschieber verfügen, aufgerufen, sich freiwillig an der Schneeräumungsaktion zu beteiligen. Und viele sind dieser Aufforderung nachgekommen, genauso wie hier die Nachbarschaftshilfe funktioniert. Man leiht sich gegenseitig Equipment oder räumt auch schon mal bei anderen den Schnee weg.

Montag, 20. Februar 2006

Nicht viel Neues

Im Moment gibt es nicht wirklich viel Neues zu berichten. Letzte Woche ist es kurzfristig mal wirklich kalt geworden, wir hatten am Donnerstag eine Höchsttemperatur  von -22°C und einen Wind Chill von bis -40°C! Wir hatten also innerhalb weniger Tage einen Temparatursturz von über 30 Grad! Aber das Ganze dauerte nur einen Tag, danach ging es schon wieder rapide bergauf: mittlerweile haben wir es tagsüber etwa 0°C, nachts geht es auf -10°C runter. Also alles recht gemäßigt.
Gestern haben wir mal wieder eine Tour in die Rockies gemacht. Wir haben den Johnston Canyon besucht, was zu einem größeren Abenteuer wurde als erwartet, denn obwohl es einen perfekt ausgebauten Weg in den Canyon gibt, war dieser fast komplett vereist. Roland hat sich trotz seiner perfekten Körperbeherrschung zweimal auf seinen Hintern gesetzt... Wir sind dann diesmal auch nur zu den Lower Falls gegangen (für gut einen km haben wir 20 Minuten gebraucht!). Einen gefrorenen Wasserfall sieht man nicht jeden Tag! Bis zum nächsten Mal werden wir uns Spikes kaufen und dann gehen wir auch bis zu den Upper Falls.
Anschließend sind wir dem Ruf des Westens gefolgt und ein bißchen durch British Columbia gekurvt. Auf dem Weg nach Radium Hot Springs kamen wir durch große zerstörte Waldgebiete, in denen vor drei Jahren heftige Brände getobt hatten. Traurig, aber auch das ist Natur... Radium Hot Springs selber ist kaum einer Erwähnung wert, gäbe es dort nicht die heißen Quellen zum Baden. Aber dafür kann man auch nach Banff fahren. Auf dem weiteren Weg nach Norden (Richtung Golden) haben wir dann einen tatsächlichen, waschechten Wolf gesehen, der über den vereisten Columbia River streunte. Wow! Leider viiiieeel zu weit weg, um ein Foto zu machen, Ihr müsst uns das also auch so glauben.
Wir haben übrigens gerade wieder mal ein langes Wochenende (heute ist Family Day), und das hat Sonjas Firma zum Umzug in das neue Gebäude genutzt. Es gibt dort jetzt eine große, gut beleuchtete Halle für die Arbeiter, und der arme Kerl, der bisher bei Minus-Temperaturen draußen an den Trailern arbeiten musste, kann das nun in Zukunft in einer beheizten Halle tun. Sonja hat ein riesiges Büro mit Blick auf die Berge... zumindest solange niemand ein Gebäude auf die andere Straßenseite setzt. Jetzt fehlen nur noch die Möbel, denn irgendwie hat der Lieferant trotz aller Versprechungen den Termin nicht halten können. Das passt zu unseren bisherigen Erfahrungen von kanadischem Kundenservice: Man wird freundlichst und höflichst bedient, aber wenn es an Termine geht, wird es schon schwierig...

Samstag, 4. Februar 2006

Immer noch kein Winter und noch etwas mehr Politik

Wir hatten mit dem Schlimmsten gerechnet, minus 30°C und kälter, Schneestürme, lange dunkle Winterabende zuhause vor unserem nicht funktionierenden Kamin, aber nein, die Temperaturen erreichen gerade mal die minus 5°C in der Nacht und tagsüber gibt es sogar Plusgrade. Nach dem verregnetsten Juni 2005 seit Wettermessungen, hatten wir nun den wärmsten Januar 2006 seit 100 Jahren. Die globale Erwärmung lässt wohl grüßen. Ansonsten fließt das Leben ruhig vor sich hin und wir haben uns ziemlich gut eingelebt. Heimweh ist noch nicht aufgekommen, doch aber die Sehnsucht nach dem höheren Technologiestandard ;-) So haben wir inzwischen einige Haushaltsgeräte durch deutsche Markenprodukte ersetzt.
Manches Mal verblüfft uns die kanadische (nordamerikanische?) Oberflächlichkeit. Merke: 'How are you? 'How's it going?' ist NIE ernst gemeint, denn es interessiert den Fragenden nicht wirklich, wie es einem geht. Geschweige denn, dass er zuhören würde, sollte man sich die Mühe machen, sich über das Befinden näher auszulassen. So antwortet man eben Not too bad, thanks. Hier wird eben nicht gejammert... und das ist auch gut so!
Von Leuten, die man unterwegs trifft und mit denen man wirklich gute Gespräche geführt hat, sollte man ebenfalls nicht erwarten, dass Einladungen auf Kaffee oder Bier ernstzunehmen sind. See ya later! oder auch nicht. Mit Immis aus Deutschland, China, Brasilien, Polen oder Russland haben wir jedoch herzliche Erfahrungen gemacht. Immer wieder erstaunt uns, wie wenig unsere kanadischen KollegInnen zum Teil über Themen wie Umweltschutz, Politik oder Weltgeschehen informiert sind, aber die Medien berichten hier halt nicht so, wie wir es aus Europa gewohnt sind.
Kanadas neuer Premier Stephen Harper hat uns, aber auch die eigenen Landsleute und die USA überrascht, dass er dem US-Botschafter bezüglich des Hoheitsanspruchs auf die arktischen Gewässer energisch widersprochen hat. Die Kanadier betrachten die Nordwestpassage zwischen dem Nordatlantik und Alaska als ihr Territorium. Die USA behauptet, dass es sich um internationale Gewässer handelt, insbesondere da diese aufgrund der globalen Erwärmung im Sommer eisfrei bleiben. Eine echte Alternative, denn die Route für Öltanker aus Alaska wäre so Tausende von km kürzer als die Fahrt über den Panamakanal. Aber der Albertaner scheint Mr Bush zeigen zu wollen, wo die Sporen hängen... Yippiekayee!
Die bereits zuvor beschriebene Rückzahlung von Steuergeldern von 400$ an jeden Albertaner (außer uns) hat mittlerweile als "Ralph-Bucks" (nach dem amtierenden albertanischen Premier) Einzug in die kanadische Sprache gefunden. Das ist ja auch wirklich eine unglaubliche Situation, in der es nur Gewinner gibt. Der Premier kann nun machen, was er will, die Leute werden sich bei der nächsten Wahl nur an die Ralph-Bucks erinnern. Die Menschen freuen sich über das zusätzliche Einkommen. Die Geschäfte machen Umsätze wie noch nie und die Mehrwersteuer fließt zurück an den Staat. Glückliches Alberta!
Als Folge des für acht Oscars nominierten Films "Brokeback Mountain" erwartet die albertanische Reise-Industrie einen neuen Besucher-Ansturm für das Kananaskis-Country, wo der Film gedreht worden ist. Wir hoffen natürlich, dass dies nicht eintritt, denn sonst haben wir das Gebiet zukünftig nicht mehr für uns alleine. Deshalb wollen wir an dieser Stelle mit einem Mythos aufräumen: die Landschaft im Film ist digital am Computer erstellt worden und in Wirklichkeit ist das Kananaskis Country nur eine langweilige Ansammlung von Präriehügeln. Wirklich kein Grund, um nach Alberta zu kommen, Leute!