Samstag, 28. Januar 2006

Wahlen, Steuergeschenke, alte Flaschen und schwule Cowboys

Diese Woche waren Wahlen in Kanada, und wie im Laufe des Wahlkampfes immer mehr erwartet wurde, hat die konservative Partei die Wahl für sich entscheiden können. Der Calgarian Stephen Harper wird also den nur zwei Jahre amtierenden, relativ glücklosen Paul Martin ablösen. Martin war an einigen Skandalen innerhalb der Liberalen gescheitert, die sich ironischerweise größtenteils vor seiner Amtszeit zugetragen hatten. Er verabschiedete sich am Wahlabend mit einer perfekten Mixtur aus Englisch und fließendem Französisch von seiner Partei und seinen Wählern. Wie wir mittlerweile gelernt haben, ist es wohl Pflicht eines Prime Ministers in Kanada, beide Sprachen zu sprechen, da die Parlamentsdiskussionen durchaus auf Französisch statt finden können. Wir sind also sehr gespannt auf das Französisch Harpers, denn wir haben noch keinen Calgarian kennen gelernt, der auch nur ansatzweise Französich sprechen konnte.
Übrigens hat Kanada ein Mehrheitswahlrecht, bei dem (ähnlich wie in England) in jedem Stimmbezirk ein Vertreter gewählt wird und ins Parlament gesandt wird. Es gibt also kein Verhältniswahlrecht mit Zweistimme und entsprechender Sitzverteilung wie in Deutschland. Eigentlich sollte man meinen, dass diese Art des Wählens zu stabilen Mehrheiten führen sollte (in Deutschland hieße das: sehr viel CDU und SPD, mit einem bißchen PDS und so gut wie keinen Grünen und Liberalen im Parlament), aber das ist in Kanada keinesfalls so. In Alberta gibt es fast nur Konservative, in BC hauptsächlich Wähler der Nationalen Demokraten, in Québec den Bloc Québécois, und in Ontario wird alles Mögliche gewählt. Als Folge hat man in Kanada trotz des Mehrheitswahlrechts regelmäßig Minderheitenregierungen. Diesmal werden die Konservativen vom Bloc Québécois mitgetragen.
Ebenfalls in dieser Woche ist der seit einiger Zeit angekündigte "Bodenschatzrabatt" an alle steuerpflichtigen Albertaner ausgezahlt worden. Jeder Albertaner, der am 1. September in der Provinz gelebt hat - also auch wir :o) - und eine Steuererklärung für 2004 abgegeben hatte - wir also leider nicht :o( - bekommt 400$ pro im Haushalt lebender Person ausgezahlt. Als Folge versuchen die großen Möbelhäuser und Elektronikläden diese Woche ganz besonders, die Gunst der kauffreudigen Calgarians zu erobern. Wir sind ja der Meinung, man hätte das Geld auch z.B. für die Entwicklung alternativer Energieprojekte oder die Förderung des Gesundheitswesen ausgeben können, aber das ist wahrscheinlich mal wieder typisch deutsche Miesmacherei...
Nachdem man uns vor ein paar Monaten erklärt hatte, dass man alte Trinkflaschen nicht einfach wegschmeißen soll, da man dafür an speziell eingerichteten Rückgabestellen Geld bekommen kann, hatte sich in unserer Garage im Laufe der Zeit immer mehr Altplastik und ein bißchen Altglas aufgetürmt. Am letzten Wochenende hatten wir die Flaschen ausgespült, und heute haben wir sie dann weg gebracht. Man muss sich das so vorstellen: Vor der Abgabestelle findet sich eine eindrucksvolle Menge von Flaschensammlern ein, alle mit Säcken und Kisten voller mehr oder weniger sauberer Kunststoff- und Glasflaschen. Wenn man dann drankommt, schüttet man seine Flaschen auf einem großen Tisch aus. Einer der vielen dort arbeitenden jungen Leuten (hauptsächlich Schüler und Studenten, alle ohne Atemschutzmaske) zählt die Flaschen verschiedener Größen, sortiert diese in Kisten und packt die wiederum auf ein Fließband, welches in einen Bereich des Gebäudes führt, den wir lieber nicht kennen lernen wollen. Anschließend bekommt man einen Zettel, auf dem die Anzahl der abgegebenen Flaschen notiert ist und geht damit zur Kasse. Man nimmt seine Rückzahlung entgegen (in unserem Fall 11$), begibt sich zum nächstgelegenen Frühstücksrestaurant und gibt das Geld dort gleich wieder aus...
Gestern waren wir endlich einmal im Kino und haben uns Brokeback Mountain angesehen, eine Liebesgeschichte über zwei Cowboys in den 60ern, der in Wyoming spielt, aber in unserer Lieblingsgegend, dem Kananaskis Country - ein paar Minuten westlich von Calgary - gedreht wurde. Ein wunderschöner Film mit zwei herausragenden Hauptdarstellern (Heath Ledger und Jake Gyllenhal), oskarverdächtigen Maskenbildnern (die Protagonisten werden über zwei Jahrzehnte begleitet) und einer atemberaubend schönen Gegend! Wenn Ihr also wissen wollt, wo wir uns am Wochende immer herum treiben, schaut Euch den Film an!

Sonntag, 22. Januar 2006

Tierischer Gegenverkehr

Gestern waren wir endlich mal wieder in den Rockies, bei strahlendem Sonnenschein und leider viel zu wenig Schnee. Wir vermuten, dass dieses Jahre eine schwierige Saison für den Wintersport ist, da ganz einfach viel zu wenig Schnee gefallen ist und der Chinook davon zu viel gefressen hat.
Wir haben Banff besucht und haben dort die Gondelbahn auf den Sulphur Mountain genommen. Da die Gondel (natürlich) eine Schweizer Produktion ist, waren alle Warnhinweise auf deutsch... Oben auf dem Sulphur Mountain hat man einen wunderschönen Blick über die Berge um Banff, Fotos gibt's auf unserer Widescreen-Seite. Allerdings war es sch...kalt. Obwohl das Thermometer nur -12 Grad anzeigte, ging ein kräftiger Wind, der eine gefühlte Temperatur um -30 Grad erzeugte. Dies führte dann dazu, dass Roland sich entscheiden musste, ob er sich entweder die Nase abfrieren wollte, oder ob er seinen Schal über die Nase ziehen sollte, was wiederum zu sofortigen Beschlagens seiner Brille mit einhergehender weitgehender Erblindung führte.
Anschließend haben wir einen Spaziergang am nahegelegenen Lake Minnewanka gemacht. Dort gab es außer uns eigentlich nur Ski-Langläufer, die auf einer anderen Strecke unterwegs waren als wir. So hatten wir unseren Spazierweg allein für uns. Bis auf den zwischenzeitlichen Gegenverkehr:
Wir waren froh, dass es sich bei dem Gegenverkehr nur um eine Canada Goat Familie handelte, und nicht etwa um Familie Petz. Aber die schläft ja wohl auch um diese Zeit. Familie Goat war offensichtlich recht hungrig, hier führte es jedenfalls zu einer interessanten Variation einer Autowaschanlage (offensichtlich schmeckt das Streusalz sehr gut): 

Montag, 16. Januar 2006

Der Kamin funzt net

Dass kanadischer Service auch mal 'anders' sein kann, haben wir bei der Reparatur unseres Gas-Kamines erfahren müssen. Ein paar Tage vor Weihnachten gab dieser plötzlich seinen Geist auf. Ein Anruf beim Service. Man versprach Abhilfe, sogar noch vor dem Fest. Es blieb bei dem Versprechen. Das Ersatzteil war nicht vorrätig und damit begann das große Schweigen. Anfang Januar fragten wir vorsichtig nach dem Stand der Dinge und bekamen sofort einen Termin für den nächsten Tag, aber niemand kam. Auf unsere erneute Nachfrage teilte man uns mit, dass das falsche Teil bestellt worden sei und man außerdem unsere Kontaktdaten verloren hätte. Weitere Tage gingen ins Land, erst meldete sich keiner oder man war nicht zuständig. Die Bitte um Klärung und Rückruf war vergeblich. Letztendlich nach einem Anruf beim Chef und entsprechender Änderung im Tonfall kam der Stein doch noch ins Rollen. Der Monteur kam mit zweistündiger Verspätung (ohne Vorankündigung oder Entschuldigung), hat nach weiteren zwei Stunden aufgegeben und gemeint, dass es wohl an einem anderen Teil liegen müsste... Dass sich 'der Deutsche' in uns wieder mal tierisch aufgeregt hat, ist klar. Gut, dass wir wenigstens nicht für die Kosten aufkommen müssen, die trägt selbstverständlich unsere Vermieterin. To be continued...

Samstag, 14. Januar 2006

Arbeit und (National-)Sport

Während in Deutschland die Kids Fußball spielen, ist hier jeden Tag Hockey angesagt. Wir haben ja eine Eislaufbahn direkt vor dem Haus und können täglich die Kinder beobachten, wie sie in unterschiedlicher Perfektion und Geschwindigkeit über das Eis schlittern. Morgens bis abends wird hier der Puck geschlagen, die Gemeinde-Hockeyanlage verfügt sogar über Flutlicht und einen kleinen Zamboni, das ist ein Ice Resurfacer. Gibt es da eigentlich ein deutsches Wort für? Dieses Gerät glättet jedenfalls das Eis wieder.
Die Arbeit wird immer mehr, von der 40-Stunden-Woche haben wir uns erst mal verabschiedet, mehr als 50 werden es nicht. Allerdings musste Roland nach der SAP-Implementierung auch schon zwei mal am Wochenende 'ran. Aber das ist ja nichts Neues bei einer Software-Umstellung. Sonja arbeitet jetzt schon ein halbes Jahr und wartet immer noch auf ein Bewertungsgespräch, welches eigentlich bereits nach drei Monaten stattfinden sollte. Wir vermuten, ihr Chef hat Angst, dass sie nach einer Gehaltserhöhung fragen könnte. Dabei ist das Quatsch, das einzige was sie fordern würde, wäre mehr Urlaub! Der Umzug ihrer Firma ist inzwischen auf Mitte Februar verschoben worden, die Büromöbel sind bestellt, und Sonja konnte sich ihre Büroeinrichtung selbst aussuchen...  Möglicherweise ein Zeichen, dass man sie noch eine Weile behalten will? Man wird sehen.
Nach der Truthahnmästung bei unseren kanadischen Freunden haben wir uns wieder mal mit guter deutscher Hausmannskost revanchiert: es gab Rotkohl und Bratwurst. Die Fan-Gemeinde für Sonjas regelmäßige Kochsessions wird langsam größer, mittlerweile sind die Kinder unserer Freunde auch regelmäßig mit dabei.
Zu unserer Überraschung wird es dieses Jahr einfach nicht kalt im Januar. Nachts geht es bis auf minus 5 Grad 'runter, tagsüber erreichen die Temperaturen des öfteren 10 Grad plus, wie üblich bei strahlendem Sonnenschein. Für die nächsten Tage ist wieder recht warmes Wetter angesagt. Aber der große Temperatursturz soll noch kommen! Übrigens haben sich unsere Körper mittlerweile so an das Klima hier gewöhnt, daß wir Null Grad tatsächlich als "warm" empfinden und in offenen Jacken herum laufen!
Wir haben inzwischen eine Nachricht von unserem britischen "Adoptivsohn" Cliff erhalten, dass die kanadische Botschaft in London ihm bis Ende März mitteilen wird, ob er nach Kanada immigrieren darf oder nicht. Er würde dann wohl Anfang Juli, rechtzeitig zur Stampede, in Calgary eintreffen. Wir bereiten uns schon einmal darauf vor und halten für ein paar Wochen ein Zimmer für ihn frei.

Mittwoch, 4. Januar 2006

Neujahr im Schnee


In Bragg Creek (25 Min von hier) haben wir unseren Truthahn-Speck beim Wandern wieder abtrainieren wollen, das war jedenfalls unser guter Vorsatz für das neue Jahr. Leider bekamen wir aber Hunger und mussten diesen zunächst in einem kleinen italienischen Restaurant besänftigen...Die Schneelandschaft ist atemberaubend (die Kälte auch), aber der Ausflug zum Bow River hat wie immer gelohnt. Das Eis auf den zugefrorenen Seen verkraftet, wie man hier sehen kann, durchaus das Gewicht mehrerer truthahngemästeter Eisläufer.
Am 2. Januar (Wir Büromenschen haben ja frei) hat Roland sein erstes Schlüsselerlebnis beim Arzt gehabt (keine Sorge, reine Routineuntersuchung). Erstens: die Walk-In-Clinic hatte geöffnet! Zweitens, obwohl es fast unmöglich ist, in Calgary einen Family-Doctor zu bekommen, hat Roland die Ärztin mit seinem Charme und mit seiner Krankengeschichte ;-) bezaubern können. Hauptgrund für die Aufnahme in den priviligierten Kundenkreis dieser Medizinerin dürfte jedoch die Tatsache gewesen sein, dass sie deutsche Verwandte (ausgerechnet) in Mettmann hat. Das Jahr fängt ja gut an! Eine Überraschung war jedoch, dass keine Anamnese gemacht wurde, sondern das Rezept direkt aufgrund der vorhergehenden Krankengeschichte (Sonja's gelobter You-wanna-See-it-Ordner) ausgestellt wurde. Blutabnahme und -untersuchung werden übrigens nicht beim Hausarzt gemacht. Mit der Überweisung geht man (ohne Termin) in in eins der zahlreichen Labore und lässt diese den Job erledigen. Ist etwas nicht in Ordnung, bekommt der Arzt Feedback und setzt sich dann mit dem Patienten in Verbindung.
Auf der Arbeit wird es jetzt tatsächlich mal stressig, Roland's Kollegen haben noch Anpassungsschwierigkeiten an das neue System und es müssen noch Feineinstellungen vorgenommen werden, bevor es richtig losgehen kann. Bei Sonja geht es ebenfalls 'rund', da dank des relativ milden Wetters 'mal eben' noch neue Projekte eingeschoben werden... das artet ja noch in Arbeit aus hier!