Freitag, 30. September 2005

Kanada ist nicht für jeden

Auch wenn unser Enthusiasmus ungebremst ist, wollen wir hier nicht verschweigen, dass das Traumland Kanada für manche zum Albtraum werden kann. Immer wieder gibt es Presseberichte über gut ausgebildete Einwanderer, die sich aufgrund fehlender kanadischer Qualifikation und Berufserfahrung mit Aushilfsjobs über Wasser halten müssen. Ärzte, die Taxi-Fahren, obwohl in Kanada grosser Mangel an medizinischen Fachkräften herrscht. Ingenieure, denen man aufgrund mangelnder kanadischer Zertifizierung keinen qualifizierten Job zutraut.

Kanadas Punktesystem für die Zulassung zur Immigration sieht zwar vor, gebildete Einwanderer, so genannte 'skilled worker', ins Land zu holen, sind diese aber erst einmal im Land, versagt das System oft. Es gibt sogar eine Seite, www.notcanada.com, die vor der Einwanderung nach Kanada warnt.

Die Regierung hat das Problem erkannt und ein Budget zur Verfügung gestellt, die ein beschleunigtes Verfahren zur Zulassung/Anerkennung nicht-kanadischer Berufserfahrung und Integration von Immigranten in ihren erlernten Berufen ermöglichen sollen. Mehr dazu hier.

Mittwoch, 21. September 2005

Herbstbeginn

Herbst ist da, was natürlich auch in Calgary bedeutet, dass die Bäume, bevor sie ihre Blätter abwerfen, noch einmal für ein wunderschönes Farbenspiel sorgen. Ist aber erwartungsgemäß nicht vergleichbar mit dem Indian Summer im Osten. Die Temperaturen gehen mittlerweile nachts bis zur Null-Gradgrenze zurück, tagsüber sind sie momentan einstellig, obwohl meistens die Sonne scheint. Es kann also durchaus sein, dass wir in den nächsten Tagen den ersten Schnee der Saison bekommen. Statistisch gesehen gibt es einen Tag Schneefall im September!
Insgesamt muss es wohl einer der regnerischsten Sommer seit langer Zeit gewesen sein, zumindest haben die Calgarianer ununterbrochen über das Wetter gemeckert. Wir haben den Sommer allerdings als sehr schön empfunden, denn nach dem wirklich total verregneten Juni gab es in der Folgezeit viele, viele sonnige Tage und gerade genug Regen, damit Roland nicht täglich den Rasen sprengen musste. Alles in allem ist das Klima hier im Sommer sehr viel angenehmer als in Mitteleuropa, da die Luft wunderbar trocken ist. Diese Trockenheit kann sich wohl aber im Winter so weit verstärken, dass die Haut ohne regelmäßiges Eincremen mit Niveacreme tatsächlich brüchig werden kann! 
Weniger schön sieht es ja momentan in Houston, Texas aus, wo man auf die Ankunft von Hurricane Rita wartet. Da Rolands Arbeitsgeber zur Westlake Gruppe gehört, die ihr Headquarter in Houston hat, sind wir sozusagen indirekt betroffen. Denn heute wurden die Zentralrechner heruntergefahren (damit gibt es Einschränkungen beim e-mailen und beim Telefonieren und SAP ist abgestellt), außerdem haben die Evakuierungen begonnen. Die Telefonkonferenzen, die eigentlich für den Rest dieser Woche anstanden, sind abgesagt, da alle texanischen Teilnehmer auf der Flucht vor Rita sind. So nah ist uns eine Naturkatastrophe noch nie gekommen! Wir hoffen, dass das ganze glimpflich abläuft...
Am Samstag waren wir mit dem Rest der Company bei Sonjas Chef zum Barbecue eingeladen. Wir haben dabei folgende Muttersprachen gezählt: Englisch, Französisch, Mandarin, Kantonesisch, Arabisch, Spanisch, Portugiesisch, Ägyptisch, Tagalog (Philippino-Dialekt) und Deutsch! Alle haben Partner, Kinder und Freunde mitgebracht, es gab Fleisch, Fisch und Geflügel, so dass für jeden etwas dabei war, und natürlich jede Menge Salat, Brot, Chips und was man sonst so zum Grillen braucht. Das ganze fand in der wie bei Kanadiern üblich, in der überdimensional großen Garage des Hauses statt. Doug hatte vorher Tage damit verbracht, sie aufzuräumen...

Donnerstag, 8. September 2005

Schnee essen

Wir sitzen gerade mittags bei einem Lieferanten zum BBQ (Gegrilltes...), als El Chefe Doug mich auf eine ungewöhnliche Wolkenformation aufmerksam macht. Dazu weht plötzlich ein heftiger, fast heißer Wind, und der kommt nicht vom Grill. Das Phänomen heißt Chinook, Schneefresser, wie die Indianer ihn nennen. In Europa ist er mit dem Föhn in den Alpen vergleichbar. Im Winter kann dieser Wind innerhalb von Stunden zu Temperaturveränderungen bis zu über 30°C verursachen.

Mittwoch, 7. September 2005

Nachwort zum Tag der Arbeit

Hier einige Überschriften aus dem aktuellen "Calgary Herald":
- Arbeitsmarktkrise in Calgary
- Hilfe gesucht: Calgary rollt roten Teppich für Arbeitssuchende aus
- Vergünstigungen geboten, um Arbeiter anzulocken
- Wirtschaft kann nicht wachsen ohne Arbeitskräfte
- Kritischer Arbeitskräftemangel erleichtert Jobsuche für Schulabgänger
- Mangel an Arbeitskräften verzögert viele Projekte
- Arbeiter kommen ... und gehen - wohl wissend, dass sie schnell anderswo einen neuen Job finden

Die Arbeitslosenzahlen in Calgary sanken im Juli auf das Rekordtief von
3,1%. Für die gesamte Provinz Alberta waren es 3,6% (verglichen mit 4,6% im Vorjahr), und für ganz Kanada waren es 6,8% im Juli.
Der statistische Durchschnitts-Stundenlohn (aller Branchen) in Alberta liegt bei $18,55. Die Zeiten sind also gut zur Zeit für Arbeitnehmer in Alberta. Und entsprechend einer staatlichen Studie soll das auch zumindest bis zum Jahr 2010 so bleiben. Alleine im Grossraum Calgary sollen bis dahin 90.300 neue Jobs geschaffen werden (und besetzt werden müssen).
Quelle: RockiesMan
Na, neidisch?

Sonntag, 4. September 2005

Im Westen nichts neues...

So ist das also, wenn der Alltag eingekehrt ist. Man steht auf, geht zur Arbeit, hat irgendwann Feierabend (zur Erinnerung: Vier Uhr nachmittags, na gut manchmal wird's auch halb fünf, das sehen wir nicht so eng). Anschließend geht man Essen, trifft sich mit Freunden oder hängt einfach vor dem Fernseher ab.
Am Wochenende der obligatorische Ausflug in die Natur. Diesmal ging es in die Prärie zum Head-smashed-in-Buffalo-Jump
http://www.head-smashed-in.com/ Interpretive Center, wo wir die ehemaligen Jagdgründe der Prärieindianer besucht haben. Es war heiß, wir hatten fast 30°C, und bis auf den Wind in den Gräsern und den Lauten der Zikaden war es unglaublich still. Einige Farmen in dieser Region haben sich auf die Aufzucht von Büffeln spezialisiert, so dass man heute durchaus wieder in den Genuss von Büffelsteak oder Pemmikan (mit Beeren vermischtes Pökelfleisch nach indianischem Rezept) kommen kann.
Morgen ist Labour Day (Tag der Arbeit) und - wie in Deutschland - natürlich ein Feiertag - ja, schon wieder! Das Tolle an kanadischen Feiertagen ist, dass, sollten sie auf ein Wochenende fallen, der darauffolgende Montag arbeitsfrei ist. Das trifft jedenfalls auf uns Büroangestellte zu. Geschäfte wiederum haben an solchen Tagen erst recht auf, weil viele den Feiertag zum Einkaufen nutzen.
Übrigens, Sonja gehört mittlerweile schon zum alten Eisen in ihrer Firma. Als sie anfing, bestand das Unternehmen aus 18 Mitarbeitern, jetzt sind es schon 32! Ihr Chef ist so begeistert von ihr, daß er sie schon an seinen größten Kunden "verkauft" hat, sprich: sie wird in den nächsten Monaten für 2-3 Tage pro Woche die Beschaffung beim Kunden re-organisieren! Außerdem hat sie das Projekt der Implementierung einer neuen Unternehmens-Software übernommen. Aus Furcht vor Abwerbung hat man Ihr deshalb inzwischen sogar einen schriftlichen Arbeitsvertrag gegeben!