Montag, 25. Juli 2005

Lakritze,Teewurst und Shakespeare

Auf Empfehlung unserer Landsleute, die wir auf der Stampede kennengelernt hatten, haben wir heute ein frisches deutsches Sauerteigbrot in der Rustic Sourdough Bakery besorgt. RICHTIGES GRAUBROT. Danach sind wir noch zu http://edelweissimports.com/ und werden direkt im Hamburger Dialekt begrüßt. Hier finden wir fast alles, was der heimwehkranke Magen und das Feinschmeckerherz begehrt.
Etliche Dollars ärmer, aber mit Schwarzbrot, Ritter Sport, Marzipan, Katjes Gums, Lakritze und frischem Aufschnitt incl. Teewurst im Gepäck, verlassen wir den Laden wieder.
 
Bereits nach zwei Wochen "gehört" Sonja die Company! Der Boss fährt in Urlaub. Mal sehen, ob die Firma noch Kunden hat, wenn er wieder da ist… schließlich ist frau ja bisher gelernte Ein- und nicht Verkäuferin.
 
Nach verschiedenen Job-Interviews hat Roland sich nun für eine Aufgabe bei einem Mittelstandsunternehmen entschieden. Bis Mittwoch soll der Vertrag (wieso kriegt Roland eigentlich einen Vertrag?) fertig sein und im August geht's los… mit einem Feiertag, denn der 1.8. ist Heritage Day. Jetzt arbeiten wir beide für KANADISCHE (!!!) Firmen.
 
Am Samstag haben wir in Kultur gemacht und das Festival "Shakespeare in the Park" besucht! Man gab "Much Ado About Nothing", ein Stück, dass wir glücklicherweise aus dem Brannagh-Film kannten. Außerdem hatte Roland die gute Idee, den Text aus dem Internet zu ziehen, sonst hätten wir nun wirklich überhaupt nichts verstanden, denn neben der nicht ganz einfachen Sprache gab es einen fast orkanartigen Sturm, der die Worte zum Teil vom Winde verwehen ließ... So konnten wir der ganzen Sache dann doch einigermaßen folgen!

Montag, 11. Juli 2005

Der erste Arbeitstag!

6 Uhr aufstehen! Seufz, wie konnte das passieren? Viertel nach 7 im Büro. Um halb 8 ist der Kaffee fertig. Nach einer Betriebsführung und einem Schnellkurs in Mess- und Regeltechnik lerne ich die Kollegen kennen. Gemerkt habe ich mir nur die Namen Doug (mein Boss), Greg (sein Partner), Steve (Produktionsleiter) und Susan (Administration), mit denen ich das Büro teile. Alle anderen zwölf sind in der Produktion/Montage beschäftigt und irgendwie an mir vorbeigerauscht. Dann die ersten Gehversuche im EDV-System, natürlich unter Supervision! Nach kurzer Zeit überzeuge ich meinen Chef davon, dass ich alleine weitermachen kann. Bis auf weiteres kümmere ich mich also um Verkauf, Materialplanung und Einkauf incl. Datenpflege. Vorübergehend helfe ich auch im Lager, Wareneingang und Versand aus. Hier ist allerdings geplant, schnellstmöglich (und das kann hierbei den Kündigungsfristen heißen 'übernächste Woche') noch einen männlichen Kollegen einzustellen.
Fazit: An sich klare Prozesse und Aufgabenverteilung. Im Zweifel hat der Chef alle Vorgänge im Kopf, da er den Ein- und Verkauf bisher selbst betreut hat. Leider ist daher aber nur wenig dokumentiert. Ein überausgepflegtes Chaos also.
4 Uhr ist Feierabend. Und die der Boss sagt: See you tomorrow, eh!? Die erste Hürde ist also geschafft und ich habe den Fuß in der Tür.

Samstag, 9. Juli 2005

Rodeo Time

Via Park 'n' Ride geht's zu den Stampede Grounds. Cowboy-Hüte soweit das Auge reicht. Vor dem Eingang Demonstranten, die gegen die Misshandlung der Tiere protestieren. Wir wollen uns aber selbst eine Meinung bilden!
Da wir bereits über das Internet Karten bestellt hatten, gibt's kein Schlange-Stehen für uns.
Auf dem Gelände ein Riesenjahrmarkt mit Losbuden, Riesenrad, Wasserrutsche und anderen Schleudertrauma erregenden Attraktionen, die uns bereits beim Zuschauen den Magen umdrehen. Wir kämpfen uns an den zahllosen Fressbuden mit Bar-B-Q, Corn Dogs, Pizza, Pommes, Bretzeln vorbei und entern unsere ausgezeichneten(!) Sitzplätze für das Rodeo.

Die Show beginnt mit - wie könnte es auch anders - mit einer Stampede. Massen von Kühen werden durch die Arena getrieben. Danach beginnt das eigentliche Spektakel, welches es bereits seit 1912 gibt. Es gibt kaum Regeln, außer oben bleiben und gut aussehen. Bewertet wird der Reitstil, die Dauer auf dem Rücken des Tieres und wie sich das gerittene Tier verhält. Je wilder, je bockiger, desto besser! Geritten werden Pferde, mit und ohne Sattel (Saddle Bronc or Bareback Riding) und Bullen. Oft hält es die Reiter nur Sekunden oben. Obwohl durch Weste und Halskragen, manchmal auch Helm, geschützt, gibt es einige Verletzte. Tiere kamen jedoch unserer Meinung nach nicht zu Schaden. Vielleicht sollten die Demonstranten auch ein Herz für die armen Rodeo-Reiter zeigen, welche für ein Preisgeld von gerade mal 50.000 Bucks ihr Leben riskieren.
Weiterhin gab es das Pferderennen der Damen (Barrel Racing), bei dem in möglichst kurzer Zeit Tonnen umritten werden mussten. Weitere Attraktionen waren das Einfangen von Kälbern mit Lassos vom Pferd aus, deren Umlegen und Fesseln (Tie-Down Roping) und das in weniger als 10 Sekunden. Der schnellste hat es in 7,5 Sekunden geschafft. Dann das 'Stier-Würgen' (Steer Wrestling). Hier soll schnellstmöglich ein junger Stier bei den Hörnern genommen und flach gelegt werden. Die jungen Stiere und Kälber taten uns schon etwas leid. Andererseits, ein gutes Steak verachten wir auch nicht! Rodeo oder nicht, wir glauben, dass die Kühe hier bis zur Schlachtung ein wesentlich besseres Leben auf den weiten Weiden haben, als deutsches Vieh aus Massenhaltung. Die Stimmung war großartig und wir empfehlen: Schaut es Euch an! Bilder hier...
Rodeo ist ein sehr ernsthafter Sport. Der kanadische Sender CTV (vergleichsweise ARD/ZDF) überträgt jeden Abend um 9 Uhr die Hightlights und Ergebnisse. Am nächsten Tag berichtet der Calgary Herald (die größte Lokalzeitung) ausführlich im Sportteil. Reiter und Pferde (!) werden hier heldenhaft verehrt. Die Teilnehmer kommen überwiegend aus Kanada und den USA, aber auch mehr und mehr aus Neuseeland und Australien.

Freitag, 8. Juli 2005

Die Calgary Stampede beginnt!

Um 5 Uhr morgens geht der Wecker, um halb 7 sind wir bei Pam und Rachel. Bei Second Cup wird noch Kaffee getankt, dann geht's im Bus nach Downtown.

Um 8 Uhr haben wir unsere Plätze eingenommen und machen es uns mit mitgebrachten Klappstühlen und Kissen gemütlich, lesen Zeitung und warten gemeinsam mit ca. 400.000 anderen Schaulustigen auf die Parade, die traditionell die Stampede eröffnet. Ein Geheimtipp: am besten sucht man sich einen 'Glotzplatz' in der Nähe der Fernsehkameras, dann kann man sicher gehen, dass die Parade-Teilnehmer ihre beste Show abgeben…
Um 9 Uhr beginnt die Parade am anderen Ende von Downtown, die Live-Musik und das unvermeidliche "Yahoo!" und "Yeehaw!" schallen durch die Häuserschluchten. Dazu Stimmung wie beim Familienpicknick. Auf dem Parkplatz hinter uns wird gegrillt, man unterhält sich und zwischendurch werden wir immer mal wieder zu einem kräftigen "Yahoo!" und "Yeehaw!" animiert. Wie schon so oft, scheint der Kanadier auch diesmal ohne Alkohol und Zigaretten feiern zu können. Gegen 10 Uhr sind wir 'dran'. Wie im deutschen Karneval gibt es auch hier Marschkapellen (hier meistens Highschool-Bands), Tänzer und Themen-Wagen, letztere jedoch meist Städte in Alberta und sind ohne politischen Hintergrund.

Dann Pferde, Cowboys und echte Indianer. Aber auch zugewanderte Kulturen haben ihren Platz in der Parade. So gibt es chinesischen Drachentanz, Dudelsackkapellen oder indische Sikh, Polen, Ukrainer, Araber. Die bayrisch-kanadische Stadt Kimberley hat seinen eigenen kulturellen Beitrag mit Ziehharmonika und Lederhosen geleistet. Bilder hier!
Toll war, dass nach dem schrecklichen Ereignis in London, die muslimischen Teilnehmer mit besonders viel Applaus bedacht wurden. Als wenn die Kanadier damit sagen wollten: Wir wissen, das war nicht Eure Schuld.
Nach etwa dreistündigem Spektakel lösen sich die Zuschauermassen ganz friedlich auf und die Reinigungskolonnen beseitigen die Hinterlassenschaften der Zwei- und Vierbeiner. Eine halbe Stunde später fließt der Verkehr wieder, als wenn nichts gewesen wäre…

Donnerstag, 7. Juli 2005

Sonja hat den Job!

Nicht, daß das nun irgend jemanden überraschen würde, aber natürlich wollen die Jungs Sonja haben! Yippeeekayeeeh! Damit ist unsere Miete erst einmal gesichert und Roland wird nun den Hausmann machen... Er hat mittlerweile fast 30 Bewerbungen raus, und muss jetzt mal langsam nachziehen mit einem Gespräch!

Für uns Deutsche ist das ja alles etwas gewöhnungsbedürftig: Erst gibt es gar kein Feedback auf Bewerbungsschreiben, dann geht alles Schlag auf Schlag, und wenn man einen Job hat, muss man sich nicht wundern, wenn man nicht mal einen schriftlichen (!)Vertrag bekommt. Wir haben uns von Freunden bestätigen lassen, daß das normal ist, zumindest bei kleinen Firmen! Aber wenn Sonja einen Vertrag haben will, dann soll sie halt ein Dokument entwerfen und mitbringen, der Chef wird es dann unterschreiben! Denn Gehaltsscheck(!!!) gibt es alle 14 Tage. Gleichzeitig damit erhält man einen
pay stub
(=Gehaltszettel), auf dem die Steuern und Abgaben festgehalten werden. Kündigungsfrist ist übrigens eine Woche...
Am Montag, dem 11. Juli geht's los mit dem Arbeiten und der unmenschlichen Arbeitszeit 7.30 - 16.00 Uhr (O-Ton des Chefs: "dann kann man nachmittags noch in die Berge..."). Drückt alle die Daumen, daß der Job Spaß macht und das Gehalt auch ohne Vertrag ankommt!

Falls man wissen will, wieviel einem nach Abzug der Steuern übrig bleibt, findet man entsprechende Informationen auf den Seiten der canada revenue agency.

Gesetzlich gibt es 10 Tage bezahlten Urlaub (erst) nach einem Jahr Beschäftigung, nach 5 Jahren, 3 Wochen usw., falls man beim gleichen Arbeitgeber beschäftigt bleibt. Wechselt man den Arbeitgeber, geht es wieder von vorne los.

Lohnfortzahlung im Krankheitsfall obliegt der Gunst der Arbeitgeber, m Fall eines Arbeitsunfalls tritt die Berufsgenossenschaft ein, aber bei längerer Krankheit muss Arbeitslosengeld beantragt werden, welches dann maximal für sechs Monate gezahlt wird, und das auch nur, wenn man bereits 52 Wochen in die Employment Insurance eingezahlt hat. Zahlungen in Form von Urlaubs- oder Weihnachtsgeld gib es nicht.

Mittwoch, 6. Juli 2005

Sonja's Vorstellungsgespräch

Sonja hat ein zweistündiges Gespräch mit dem Geschäftsführer eines kleinen Unternehmens der Erdölzulieferindustrie. Die Firma hat bislang keine 20 Mitarbeiter, boomt aber kräftig und zieht im nächsten Jahr in ein quietschneues Gebäude um. Der Geschäftsführer hat nun keine Lust mehr auf all die administrativen Dinge, die zu tun sind. Ein Job für Super-Sonja! Man bittet sich einen Tag Bedenkzeit aus, aber Sonja hat ein gutes Gefühl...

Dienstag, 5. Juli 2005

Sonja's Bewerbung

Sonja bewirbt sich per Internet auf einen Einkäufer-Job (ihre 10. Bewerbung soweit). Bereits am selben Tag kommt schon ein Anruf mit einer Einladung zum Gespräch

Freitag, 1. Juli 2005

Heute ist Canada Day!

Wie sonntags in Deutschland… endlich haben auch hier mal die Geschäfte geschlossen; nun ja die meisten, also wenigstens sind heute andere Öffnungszeiten, um ehrlich zu sein, wer heute unbedingt einkaufen will, findet offene Läden.
Natürlich wollten wir wissen, wie der Kanadier an sich seinen Nationalfeiertag begeht. Daher erwarten wir, den amerikanischen Unabhängigkeitstag vor unserem geistigen Auge, eine Riesenparade, rot-weiße Flaggen soweit das Auge reicht und politisch wirkungsvolle Auftritte. Weit gefehlt! Der Kanadier scheint im Gegensatz zum Amerikaner völlig ohne Stammtischparolen und nationalistisches Gedankengut auszukommen.
Im Shaw Millenium Park werden kostenlose Open Air Konzerte und First Nations Tanz geboten, dazu gibt's Bar-B-Q und Familienpicknick. Wir haben das multikulturelle Treiben bei einer Yodel-Sausage genossen und uns über die wunderbar friedliche Atmosphäre gefreut.
 
Regen-Abschlussbericht:
Juni 2005 war mit 237 mm der regenreichste Monat seit Anbeginn der Wettermessungen im 19. Jahrhundert. Der durchschnittliche Niederschlag liegt im Juni normalerweise bei 76 mm! Die Wassermassen haben alle flussnahen Parks verwüstet (darum fand das Fest zum Canada Day auch nicht wie üblich im Prince's Island Park statt), Campingplätze mussten massenweise geschlossen werden und vier Albertaner sind in den Fluten umgekommen. 
 
Ausflug zum Takkakaw Fall und Wanderung am Moraine Lake:
Zum ersten Mal haben wir dieses Jahr unseren Fuß nach British Columbia gesetzt. Sonja, als großer Fan von Wasserfällen, wollte den über 250 m hohen Takkakaw Fall im Yoho NP endlich wieder sehen. Beim Übertritt der "Grenze" nach BC fühlt sich Roland einmal mehr "zuhause". Wir können es einfach nicht vermeiden, wieder einmal nach BC zu "schielen". Vancouver und der Pazifik rufen nach uns und wir wissen nicht, wie lange wir diesem Ruf widerstehen werden. Jedenfalls haben wir unsere Jobsuche vorsorglich mal auf die Westküste ausgeweitet.
 
Arbeitsmarkt:
Auch wenn hier gerade in der Ferienzeit die Jobs auf der Straße liegen, bzw. überall in den Schaufenstern die "Now hiring" "Help wanted" Schilder locken, ist die Suche nach einer
qualifizierten Arbeitstelle nicht einfach. Oft genug scheitern wir bereits an den Eingangsbedingungen, bei denen kanadische Ausbildung und kanadische Berufserfahrung (am besten noch im Gas/Energie Sektor) verlangt werden. Bei den anonymisierten Bewerbungsmöglichkeiten im Internet gibt es selten Feedback, kontaktiert wird man nur, wenn man zum Kreis der Auserwählten gehört. Die Form der Absage gibt es nicht, das scheint gegen die Natur des freundlichen Kanadiers zu sein. Hier ist also viel mehr Eigenwerbung, Initiative und Blindbewerbung gefragt. Wir haben inzwischen also Visitenkarten und planen sogar, noch eine Bewerbungs-Website aufzubauen.